Geschichte

An dieser Stelle erhalten Sie einen kurzen Rückblick auf die Ursprünge unserer Straße.

In einer Broschüre zur Vorstellung und Bewerbung des Siedlungsprojektes erläutert die Flottmann AG  ihre Zielsetzung wie folgt: 

Mit der geplanten Eigenheimsiedlung will die Flottmann A.-G. ihren Teil dazu beitragen, den vom Führer geprägten Gedanken in die Tat umzusetzen.  Sie will einer Reihe ihrer Gefolgschaftsmitglieder die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Heim auf eigenem Grund und Boden zu schaffen und damit auf der Heimatscholle sesshaft zu werden. Die Arbeit im eigenen Garten, die mit der Siedlerstelle gegebene Möglichkeit der Kleintierhaltung soll die Siedlerfamilie in die Lage versetzen, ihre Ernährungsgrundlage zu verbessern. Durch eine solche Tätigkeit nützt der Siedler nicht nur sich selbst; er dient auch dem Gemeinwohl, da mit jedem Stück Land, das intensiver bewirtschaftet wird, und mit jeder Steigerung der Kleintierhaltung die Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes und seine Unabhängigkeit von der Einfuhr im Ausland erzeugter Nahrungsmittel gestärkt wird.

Für den ersten Bauabschnitt waren etwa 30 Siedlerstellen vorgesehen. Von der Errichtung von Siedlerstellen an der Flottmannstraße selbst wurde Abstand genommen, da die hohen Anliegerkosten an dieser Straße die Errichtung von Siedlerstellen unwirtschaftlich gemacht hätten.

 

Was sollte  eine Siedlerstelle kosten?

Die Kosten für das baureife Gelände beliefen sich auf durchschnittlich 1800,– RM.

Die Kosten für das fix und fertige Haus einschließlich aller Nebenkosten sollten 6.000,– RM betragen, insgesamt also 7800,– RM. Dies setzte voraus, dass der Siedler folgende Arbeiten selbst ausführte:

a)    die Ausschachtung der Baugrube und der Fundamentgräben

b)    die Aufbringung der Schlacke zwischen den Zwischendecken und zwischen

den Lagerhölzern,

c)    das Weißen der Innen- und Außenwände mit Kalkmilch

d)    das Aufstellen und Herrichten des Zaunes,

e)    das Pflanzen der Bäume und Sträucher sowie die Planierungsarbeiten auf den einzelnen Grundstücken.

Wird auf Wunsch eines Siedlers a) das Haus ganz unterkellert oder wird b) die zweite Kammer im Dachgeschoss gleich ausgebaut oder wird c) das Haus um einen Meter größer gebaut, so entstehen folgende Mehrkosten:

a)  360,– RM     b)  210,– RM   c)  380,– RM.

Zur Finanzierung waren mindestens 500,– RM Eigenkapital zwingend vorgeschrieben. Das übrige Baugeld konnte über zwei Darlehn als 1. und 2. Hypothek aufgebracht werden, und zwar 50 % des Wertes, also 3.900,– RM zu 5 % Verzinsung durch die Sparkasse und 3.400,– RM zinsfrei bei 3 ½ % Tilgung durch die Flottmannwerke A.-G. Dieses Darlehn war somit in 29 Jahren völlig getilgt; erst danach begann die Tilgung des Sparkassendarlehns, so dass der Siedler nach insgesamt  50 Jahren einen schuldenfreien Besitz erlangen konnte.

 

Wer kam als Siedler infrage?

Wer glaubte, eine Siedlerstelle gut bewirtschaften zu können, das notwendige Eigenkapital besaß und bereit war, sich am Bau der Siedlung mit den genannten Eigenleistungen zu beteiligen und wer zumindest 2 Jahre der Gefolgschaft der Flottmann Werke A.-G. angehörte, konnte sich über ein entsprechendes Formular bewerben. Wurden mehr Bewerbungen abgegeben als Siedlerstellen errichtet wurden, sollten kinderreiche Familien und langjährige Gefolgschaftsmitglieder, also Betriebsangehörige, bevorzugt berücksichtigt werden.

Am 24. Juni 1937 war es  dann endlich so weit.

Nach Berichterstattung im Lokalteil der Herner Zeitung erfolgte in einer – wie es hieß- schlichten Feierstunde der erste Spatenstich für die zunächst 23 geplanten Heime durch Generaldirektor Dr. Ing. e. h. Heinrich Flottmann.

Die Herner Zeitung führt weiter aus, dass damit die Flottmann Werke ihrer vorbildlichen sozialen Arbeit eine neue Leistung hinzugefügt hätten, die als beispielhaft anerkannt werden muss.

Dass diese Anerkennung den Flottmann-Werken auch von allen Seiten zuteil wird, bewies – wie man auf den veröffentlichten Bildern auch sehen kann- die starke Anteilnahme führender Persönlichkeiten der Partei und der staatlichen und kommunalen Behörden (man beachte die Reihenfolge der Namensnennungen der Institutionen !)

Neben Dr. Ing. e. h. Flottmann und seiner Gattin sind Kreisleiter Nieper,

Oberbürgermeister Meister und SS-Brigadeführer Schleßmann zu sehen.

Die Feierstunde wurde nach den Grußworten der Repräsentanten des öffentlichen Lebens mit dem „Lied der Bauleute“, vorgetragen von der Gesangsabteilung des Werkes, und einer Danksagung des Siedlers Julius Neuhaus, abgeschlossen, der später auch der erste Vorsitzende der Flottmannsiedlung wurde.

Die Bauarbeiten gingen danach sehr zügig voran. Schon nach kurzer wurde das Richtfest gefeiert.

In der Ausgabe des Amtsblattes der Preußischen Regierung in Arnsberg wurde unter dem 12. 1. 1938 amtlich bekannt gemacht:

Auf Antrag des Oberbürgermeisters in Herne wird die Verbindungsstraße zwischen Flottmannstraße und der verlängerten Jean-Vogel-Straße in Herne (Flottmann-Siedlung) „Anna-Luise-Straße“ benannt.

Der Polizeipräsident in Bochum, Polizeiamt Herne“

 

Die Straße trägt die Vornamen der Ehefrau des Generaldirektors Dr. Ing. e. h. Otto Heinrich Flottmann. Nach dem Tode Ihres Mannes hat Frau Luise Berta Anna, Rufname Anna-Luise Flottmann, (geb. am 18.11.1881, gest. am 25. 10. 1947 in Herne) als Hauptgeschäftsführerin und Vorsitzende des Aufsichtsrates der Gesellschaften die Firma geleitet.

Mit der Fertigstellung der Siedlung und dem Einzug der Siedler wurde die Flottmann-Siedlergemeinschaft gegründet, die im Jahre 1938 dem Kreisverband Herne im Deutschen Siedlerbund beitrat und damit zu ihren Gründungsmitgliedern gehört.

Der Kreisverband Wohneigentum, wie er heute heißt, wird im Oktober sein 70 jähriges Jubiläum im Rahmen einer kleinen Feier im Parkrestaurant im Stadtgarten begehen.

Übrigens wurde das erste in der neuen Siedlung geborene Kind auf den Namen Anneliese getauft. Es ist Anneliese Peters (jetzt Schulte), die nach meiner Kenntnis  zum Jubiläum der Straße am Sommerfest teilnimmt.

In der Siedlung wurde  bis weit in die 50er Jahre ein intensives Gemeinschaftsleben gepflegt, insbesondere im Hinblick auf die sehr große Zahl der damals hier wohnenden Kinder.

Zu den Sommerfesten wurden Handwagen aufwändig und liebevoll geschmückt, die Kinder besonders festlich gekleidet. Im gemeinsamen Zug ging es zu einer großen Lichtung im Constantiner Busch, wo für die Kinder Spiele und Belustigungen organisiert und ansonsten für Speis` und Trank gesorgt war. Darüber hinaus fanden Filmveranstaltungen, Theateraufführungen und gemeinsame Ausflüge statt, unter anderem ein gemeinsamer Besuch der Bundesgartenschau in Dortmund.

Besonderes Flair verlieh der Straße zu dieser Zeit die Allee von Kirschbäumen in allen Vorgärten, die im Frühling die Siedlung in ein beeindruckendes weißes Blütenmeer verwandelte.

Ansonsten vermittelte auch noch das gesamte Umfeld einen eher ländlichen Charakter, wie die von einigen Anwohnern bereitgestellten historischen Bilder belegen.

Das Gelände des jetzigen Marienhospitals, der Ingeborgstraße und des Schulkomplexes Flottmannstraße und die verlängerte Lutherstraße waren Acker- und Weideflächen und für die Kinder in unserer Straße zugleich auch großer Abenteuerspielplatz und Startplatz für Windvögel. Selbst ein Bachlauf im östlichen Hintergelände  der Jean-Vogel-Straße, der sich zu einem Teich am Hölkeskampring erweiterte, gehörte zum Erlebnisbereich der Kinder.

Viele Aufgaben wurden in Gemeinschaft organisiert:

Die Müllabfuhr übernahm Ewald Ruwe, früher selbst Arbeiter bei Flottmann, mit seinem kleinen Fuhrunternehmen. Kartoffeln und Saatgut, aber auch Düngemittel, Tierfutter und Zaundraht wurden in Sammelbestellungen organisiert.

Wer glaubt, die erfolgreiche Geschäftsidee für einen Minimarkt sei neu, hat sich getäuscht.

Bereits Fritz Tiesmeier war auch außerhalb jeglicher sonstigen Ladenöffnungszeiten kompetente Anlaufstelle gleichermaßen für Hühnerfutter wie auch für Hölscher`s Magenbitter und Doppelkorn.

Für passionierte Raucher  war Wilhelm Bringewatt die richtige Adresse. Aus dem Koffer unter dem Bett gab es aromatische handgedrehte Zigarren aus Bünde, die seine Verwandtschaft herstellte.

Treffpunkt der Siedler und Informationsbörse zugleich war aber vor allem der „Milchbauer“ Peter Vogel, der zunächst mit Pferd und Wagen fast ausschließlich selbst erzeugte Milchprodukte anbot. Später, nach Aufgabe des Bauernhofes, der dem Bau des Marienhospitals weichen musste, erweiterte er mit seinem großen Verkaufswagen sein  Warenangebot wie in einem kleinen Lebensmittelladen.

Immer zu Späßen aufgelegt und über alles Wichtige in der näheren und weiteren Nachbarschaft informiert, war Peter Vogel ein täglich gern gesehener Besucher in unserer Straße und trug wesentlich zur guten Kommunikation zwischen den Nachbarn bei. Er hat es sich nicht nehmen lassen, am Sommerfest der Siedlung teilzunehmen.

Die letzte große Gemeinschaftsveranstaltung war die Feier zum  50 jährigen Bestehen der Siedlung.

Nach diesem großen Ereignis schliefen weitere gemeinsame Aktivitäten in der Siedlung über lange Jahre ein bis vor drei Jahren angesichts der drohenden Auflösung der Gemeinschaft Günter Czarnecki die Initiative zur Rettung und Wiederbelebung unserer Siedlergemeinschaft übernahm.

Seitdem gehören das jährliche Sommerfest in seinem Garten und die als Grünkohlessen „getarnte“ Jahresmitgliederversammlung im Lutherhaus zu den festen Terminen im Kalender unserer Siedlung. Die sehr gute Resonanz und die tolle Atmosphäre dieser Zusammenkünfte wie auch die großzügige Bereitschaft aller Mitglieder, jährlich einen erheblich höheren finanziellen Beitrag für diese Aktivitäten zu leisten, sind der Garant für eine gute Zukunft für das Gemeinschaftsleben in unserer Siedlung.

Überaus wichtig ist aber auch das persönliche Engagement der Mitglieder, wie es das Beispiel des diesjährigen Jubiläums-Sommerfestes beweist.

Hierzu gehören vor allem die Mithilfe bei den Transporten, beim Auf- und Abbau, der Dekoration, der Fahrdienst, die Bereitstellung von leckeren Salaten, Süßspeisen und Kuchen, die Zubereitung der Steaks und Würstchen am Grill, beim Zapfen, Bedienen, Auf- und  Einräumen, Spülen oder auch schon die Teilnahme an den vorbereitenden organisatorischen Besprechungen, nicht zuletzt aber auch die Bereitstellung von Geldspenden.